Wem gehört das Geschenk?

Es wird von einem großen Krieger berichtet, von dem, obwohl er inzwischen alt geworden war, immer noch das Gerücht ging, dass er jeden Gegner besiegen könnte. Seine Geschicktheit mit dem Schwert ebenso wie seine Weisheit hatte dazu geführt, dass er viele Schüler um sich gesammelt hatte.

Eines Tages bekam der alte Krieger Besuch von einem jungen Mann, der fest entschlossen war, den alten Meister herauszufordern und zu besiegen. Die Schüler des alten Meisters wurden sehr unruhig, als sie sahen, wer der junge Mann war, denn er war weithin bekannt als der rücksichtslose Krieger. Er hatte eine nahezu unheimliche Fähigkeit, die Schwachpunkte des Gegners zu entdecken, um sie dann zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen. Die Taktik, die er anwandte und die bis dahin immer funktioniert hatte, war, den ersten Schlag des Gegners abzuwarten, seinen Schwachpunkt zu entdecken und dann mit schonungsloser Kraft zuzuschlagen.

Die Schüler, die ihrem Meister sehr zugetan waren, wollten ihn nicht von dem jungen Mann erniedrigt sehen und rieten ihm davon ab, die Herausforderung anzunehmen. Doch der alte Krieger zögerte nicht, sondern machte sich bereit zum Kampf.

Schon auf dem Weg zum Platz, wo der Kampf ausgetragen werden sollte, begann der junge Mann den alten zu verunglimpfen. Das setzte sich auch fort, nachdem sie sich aufgestellt hatten, und ein paar Stunden lang schüttete der Jüngling seine höhnischen, herabwürdigenden und erniedrigenden Äußerungen über dem Alten aus. Er warf mit Erde und spie dem Meister ins Gesicht. Doch der alte Mann stand regungslos, ohne ein Wort zu seiner Verteidigung zu sagen und ohne es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Zum Schluss gab der junge Mann auf. Er verbeugte sich vor dem Meister, erklärte sich besiegt und ging dann hastig seines Weges.

Die Schüler des Meisters waren selbstverständlich glücklich über den Sieg, konnten es aber nicht bleiben lassen, sich ein wenig enttäuscht darüber zu wundern, wie der Meister es zulassen konnte, sich alle diese Beleidigungen anzuhören, ohne darauf zu antworten.

“Wenn jemand mit einem Geschenk zu dir kommt, das du nicht entgegennimmst”, antwortete der Meister ruhig, “wem gehört dann das Geschenk?”

Aus dem Buch “Ich habe nach dir gewonnen! Weisheitsgeschichten für einen anderen Blick auf das Leben” von Kristina Reftel.

Ihr Michael Göhring, info@innenfokus.de

Hinweis zu Geschichten

Geschichten gebe ich Dir bewusst unkommentiert oder allenfalls um Impulsfragen ergänzt weiter. So entsteht ein Freiraum für individuelle Interpretation. Und genau dort, in diesem selbst erwirkten Bezug, entfalten Geschichten und Metaphern ihr volles Potential. In diesem Sinne wünsche ich Dir eine gute Zeit beim Lesen, Anhören und Wirkenlassen.


“Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen, damit sie aufwachen.” – Jorge Bucay