Die Welle und der Ozean

„Neulich habe ich eine hübsche kleine Geschichte gehört“, sagt Morrie. Er schließt für einen Moment die Augen und ich warte.

“Okay, in der Geschichte geht es um eine kleine Welle, die auf der Oberfläche des Ozeans entlanghüpft und unglaublich viel Spass hat. Sie genießt den Wind und die frische Luft, bis sie bemerkt, dass vor ihr noch andere Wellen sind, die alle an der Küste zerschellen.”

Mein Gott, das ist ja schrecklich”, sagt die Welle. “Wenn ich mir vorstelle, was mit mir passieren wird!”

Da kommt eine andere Welle vorbei. Sie sieht die erste Welle, die grimmig dreinschaut, und fragt: “Warum siehst du so traurig aus?”

Die erste Welle sagt: “Du verstehst überhaupt nicht, was los ist! Wir werden allesamt an der Küste zerschellen! Wir, alle Wellen, werden nichts sein! Ist das nicht schrecklich?”

Die zweite Welle sagt: “Nein, du verstehst nicht. Du bist nicht eine Welle, du bist ein Teil des Ozeans.”

Ich lächle. Morrie schließt wieder die Augen.

“Ein Teil des Ozeans“, sagt er, „ein Teil des Ozeans.”

Aus dem bewegenden Buch “Dienstags bei Morrie” von Mitch Albom.

Herzlichst Michael Göhring, info@innenfokus.de

Hinweis zu Geschichten

Geschichten gebe ich Dir bewusst unkommentiert oder allenfalls um Impulsfragen ergänzt weiter. So entsteht ein Freiraum für individuelle Interpretation. Und genau dort, in diesem selbst erwirkten Bezug, entfalten Geschichten und Metaphern ihr volles Potential. In diesem Sinne wünsche ich Dir eine gute Zeit beim Lesen, Anhören und Wirkenlassen.


“Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen, damit sie aufwachen.” – Jorge Bucay